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Als das junge Unternehmen an einem verregneten Montagmorgen sein erstes grosses Teammeeting abhielt, war die Stimmung angespannt. Die Präsentation zeigte ambitionierte Wachstumsziele, neue Produkte, neue Märkte. Auf den Folien reihten sich Zahlen, Diagramme und Bulletpoints aneinander. Nach einer Stunde verliessen die Mitarbeitenden den Raum mit vielen Informationen – und noch mehr Fragen. Was genau war die Vision? Wo führte dieser Weg hin? Und warum lohnte es sich, die wachsende Arbeitslast und die Unsicherheit in Kauf zu nehmen?

Diese Situation ist kein Einzelfall. Die Entwicklung eines Unternehmens mit einem unerprobten Konzept ist komplex, oft chaotisch und emotional fordernd. Es ist schwierig für alle Beteiligten, Informationen so zu verarbeiten, dass sie Orientierung bieten, Vertrauen schaffen und Motivation auslösen. Gerade in Phasen hoher Belastung, intensiven Wettbewerbs und grosser Erwartungen wird Kommunikation zur entscheidenden Führungsaufgabe.

Und genau hier beginnt die Kraft von Geschichten.

Die Herausforderung unternehmerischer Kommunikation

Unternehmen entstehen selten aus stabilen Ausgangslagen. Meist sind sie das Ergebnis einer Idee, eines Problems oder einer Vision, deren Ausgang offen ist. Gerade Start-ups, Innovationsprojekte oder Transformationsinitiativen bewegen sich in einem Spannungsfeld aus Hoffnung und Risiko. Mitarbeitende sollen sich mit einer Zukunft identifizieren, die es noch nicht gibt. Sie sollen Entscheidungen tragen, deren Ergebnis ungewiss ist. Und sie sollen Leistung bringen, während sich Rahmenbedingungen ständig verändern.

In dieser Realität stossen klassische Kommunikationsformen schnell an ihre Grenzen. PowerPoint-Folien erklären Zusammenhänge, erzeugen aber selten Begeisterung. E-Mails liefern Informationen, bleiben jedoch emotional wirkungslos. Strategiepapiere beschreiben Ziele, doch sie beantworten nicht die zentrale Frage vieler Mitarbeitender: Warum tun wir das alles?

Menschen denken nicht in Tabellen. Sie denken in Bildern, Erlebnissen und Bedeutungen. Genau deshalb reicht es nicht aus, nur Fakten zu vermitteln. Es braucht Sinnzusammenhänge. Es braucht Orientierung. Es braucht Geschichten.

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Geschichten Erzählen zu können ist eine Kunst.

Warum Informationen allein nicht genügen

In der Theorie scheint Kommunikation einfach: Man formuliert eine Botschaft, sendet sie und erwartet Verständnis. In der Praxis jedoch treffen Informationen auf überlastete Köpfe. Meetings folgen auf Meetings. Projekte laufen parallel. Deadlines drängen. In diesem Umfeld werden Details schnell vergessen oder falsch eingeordnet.

Je komplexer das Umfeld, desto schwieriger wird es, Informationen einzuordnen. Mitarbeitende müssen entscheiden, was relevant ist und was nicht. Ohne klaren Bezugsrahmen entsteht Unsicherheit. Und Unsicherheit ist der grösste Feind von Engagement. Kleine Fehler können massive Auswirkungen haben, wie das Beispiel Crans-Montana zeigt.

Hier setzt Storytelling an. Eine gut erzählte Geschichte reduziert Komplexität, ohne sie zu verfälschen. Sie ordnet Ereignisse in einen Zusammenhang ein. Sie macht Entwicklungen nachvollziehbar. Und sie gibt dem Handeln eine Richtung.

Was Geschichten bewirken können

Geschichten sind kein dekoratives Beiwerk der Kommunikation. Sie sind ein zentrales Werkzeug, um Menschen zu erreichen. Im unternehmerischen Kontext entfalten sie ihre Wirkung besonders in drei Bereichen: Klarheit, Glaubwürdigkeit und Glaube.

Klarheit schaffen

Eine Geschichte verdichtet Informationen auf das Wesentliche. Sie verzichtet auf Nebensächlichkeiten und lenkt den Fokus auf den Kern der Botschaft. Menschen haben wenig Zeit und noch weniger Geduld für abstrakte Erklärungen. Eine Geschichte hingegen erlaubt es ihnen, sich mit einer Situation zu identifizieren.

Wenn eine Führungskraft nicht erklärt, wie schwierig Marktaufbau ist, sondern erzählt, wie ein anderes Unternehmen genau diesen Weg gegangen ist, entsteht ein inneres Bild. Dieses Bild bleibt haften. Es ersetzt lange Erklärungen durch ein gemeinsames Verständnis.

Glaubwürdigkeit stärken

Geschichten gewinnen an Kraft, wenn sie nicht nur aus dem eigenen Unternehmen stammen. Der Verweis auf unabhängige Dritte, die ähnliche Herausforderungen bewältigt haben, schafft Vertrauen. Wer erkennt, dass andere vor denselben Problemen standen und dennoch erfolgreich waren, zweifelt weniger an der eigenen Situation.

Gerade in schwierigen Phasen hilft dieser Perspektivenwechsel. Er relativiert Rückschläge und zeigt, dass Hindernisse Teil eines grösseren Weges sind.

Glaube ermöglichen

Glaube ist kein naiver Optimismus. Er ist die Überzeugung, dass Anstrengung Sinn ergibt. Geschichten können diesen Glauben stärken. Sie zeigen, dass Erfolg selten geradlinig verläuft. Sie normalisieren Zweifel, Fehler und Rückschläge.

Wenn Mitarbeitende verstehen, dass bekannte Unternehmen und Persönlichkeiten ähnliche Krisen erlebt haben, entsteht Durchhaltevermögen. Und Ausdauer ist oft der entscheidende Faktor zwischen Scheitern und Erfolg.

Geschichten ersetzen keine Strategie, aber sie tragen sie

Storytelling ist kein Ersatz für klare Ziele, transparente Entscheidungen oder regelmässige Kommunikation. Es ist ein Verstärker. Geschichten schaffen emotionale Ankerpunkte, an denen sich Menschen orientieren können. Sie machen abstrakte Strategien greifbar und unterstützen den kulturellen Zusammenhalt.

In Zeiten des Wandels sind sie besonders wirksam. Denn Wandel ist nicht nur ein organisatorischer Prozess, sondern ein menschlicher.

Wenn Vision auf Realität trifft

Anfang der 2000er Jahre stand ein kleines Unternehmen namens IncentOne vor einer gewaltigen Aufgabe. Die Idee war kühn: Menschen sollten für gesundes Verhalten belohnt werden. Was heute selbstverständlich klingt, war damals radikal neu. Es gab keinen Markt, keine etablierten Modelle, keine Erfolgsgeschichten.

Intern war schnell klar, dass der Aufbau dieses Geschäftsmodells Jahre dauern würde. Doch wie erklärt man Mitarbeitenden, dass Geduld, Rückschläge und hohe Investitionen unvermeidlich sind? Wie verhindert man, dass Zweifel überhandnehmen?

Die nüchterne Antwort hätte lauten können: Innovation braucht Zeit, Geld und Durchhaltevermögen. Doch diese Aussage hätte kaum Begeisterung ausgelöst. Stattdessen griff das Unternehmen zu einer Geschichte, die weltweit bekannt ist.

Die Amazon-Geschichte als Orientierung

Amazon wurde 1995 gegründet, in einer Zeit, in der der Onlinehandel noch in den Kinderschuhen steckte. Die Vision war einfach und zugleich provokant: Bücher online verkaufen. Kritiker lachten. Buchhandlungen schienen unersetzlich. Die Idee, dass Menschen Bücher bestellen würden, ohne sie in die Hand zu nehmen, galt als absurd.

Amazon verlor jahrelang Geld. Milliarden. Investoren zweifelten. Medien erklärten das Unternehmen regelmässig für gescheitert. Und doch hielt Amazon an seiner Vision fest. Nicht blind, aber konsequent.

Als IncentOne diese Geschichte erzählte, ging es nicht um Zahlen oder Marktanteile. Es ging um Haltung. Um die Erkenntnis, dass neue Märkte Widerstand erzeugen. Dass Verluste Teil des Weges sein können. Und dass langfristiger Erfolg oft unsichtbar entsteht.

Diese Geschichte half, die täglichen Herausforderungen einzuordnen. Sie schuf Geduld. Und sie erinnerte daran, dass echte Innovation selten sofort belohnt wird.

Wenn Wandel unausweichlich wird

Es gibt Momente, in denen Unternehmen nicht nur wachsen, sondern sich grundlegend verändern müssen. Solche Transformationen sind unbequem. Sie stellen bestehende Erfolge infrage. Sie gefährden gewohnte Einnahmequellen. Und sie verlangen Mut.

Eine Führungskraft, die diesen Wandel ankündigt, steht vor einer heiklen Aufgabe. Sagt sie: „Wir müssen unser Geschäftsmodell radikal umbauen“, erzeugt sie Angst. Sagt sie nichts, riskiert sie Stillstand.

Auch hier können Geschichten helfen.

Die Geschichte von Blockbuster

Blockbuster eröffnete 1985 seine erste Videothek. In den 1990er Jahren war das Unternehmen ein Gigant. Tausende Filialen, zehntausende Mitarbeitende, eine weltweit bekannte Marke. Der Erfolg schien unantastbar.

Dann kam das Internet. Zunächst schleichend, dann rasant. Neue Technologien veränderten das Konsumverhalten. DVDs konnten per Post verschickt werden. Filme konnten gestreamt werden. Doch Blockbuster reagierte spät. Zu spät.

Netflix startete als kleiner Abodienst. Blockbuster nahm die Bedrohung nicht ernst. Als das Unternehmen schliesslich reagierte, hatte sich der Markt bereits verschoben. Die einstige Marktmacht war wertlos geworden.

Diese Geschichte ist kein nostalgischer Rückblick. Sie ist eine Warnung. Sie zeigt, dass Erfolg der Vergangenheit kein Schutz vor den Fehlern der Zukunft ist. Und sie macht deutlich, dass Untätigkeit oft gefährlicher ist als Veränderung.

Ausdauer als unterschätzte Kernkompetenz

Fast jede erfolgreiche Idee ist zunächst neu, unbequem oder unverständlich. Wer Innovation vorantreibt, muss mit Widerstand rechnen. Von aussen und von innen. Umso wichtiger ist es, Ausdauer zu fördern.

Doch wie motiviert man Menschen, weiterzumachen, wenn Erfolge ausbleiben? Wenn Kritik laut wird? Wenn Zweifel wachsen?

Eine Möglichkeit ist, über jene zu sprechen, die diesen Weg bereits gegangen sind.

Walt Disney: Fantasie gegen Skepsis

Walt Disney wurde entlassen, weil ihm Fantasie fehlte. So zumindest lautete die Begründung. Heute ist sein Name Synonym für Kreativität und Unterhaltung. Disney World ist Milliarden wert. Die Marke prägt Generationen.

Die Geschichte zeigt, wie kurzsichtig Bewertungen sein können. Und wie wichtig es ist, an die eigene Vision zu glauben, selbst wenn andere sie nicht teilen.

Thomas Edison: Scheitern als Lernprozess

Mehr als 10.000 Versuche benötigte Edison, um die Glühbirne zu entwickeln. Auf Kritik angesprochen, antwortete er, er habe lediglich tausende Wege gefunden, die nicht funktionieren. Diese Haltung ist essenziell für Innovation.

Sie lehrt, dass Rückschläge kein Zeichen von Inkompetenz sind, sondern Teil des Erkenntnisprozesses.

Steve Jobs: Verlust als Neubeginn

Steve Jobs wurde aus dem eigenen Unternehmen entlassen. Eine Demütigung. Und zugleich der Beginn einer neuen Phase. Jobs nutzte diese Zeit, um Neues zu lernen, andere Perspektiven zu gewinnen und kreativer zu arbeiten.

Als er zurückkehrte, war Apple nicht nur wirtschaftlich erfolgreicher, sondern auch visionärer.

Oprah Winfrey: Ablehnung als Antrieb

Oprah Winfrey wurde als Nachrichtenreporterin entlassen. Man hielt sie für ungeeignet. Heute ist sie eine der einflussreichsten Medienpersönlichkeiten der Welt. Ihre Geschichte zeigt, dass Rückschläge oft Hinweise auf einen falschen Kontext sind, nicht auf mangelnde Fähigkeiten.

Spielberg, Ford und andere

Steven Spielberg wurde mehrfach abgelehnt. Henry Ford scheiterte mit mehreren Unternehmen. Colonel Sanders wurde tausendfach abgewiesen, bevor sein Rezept Erfolg hatte. Diese Geschichten eint eine zentrale Botschaft: Erfolg ist selten linear.

Warum diese Geschichten wirken

Diese Beispiele sind nicht deshalb inspirierend, weil sie spektakulär enden. Sie wirken, weil sie menschlich sind. Sie zeigen Zweifel, Fehler, Ablehnung. Und sie zeigen, dass Ausdauer belohnt werden kann.

Für Unternehmen bedeutet das: Geschichten helfen, Rückschläge einzuordnen. Sie verhindern, dass Schwierigkeiten als persönliches Versagen interpretiert werden. Und sie fördern eine Kultur, in der Lernen wichtiger ist als Schuld.

Storytelling als Teil der Unternehmenskultur

In einem dynamischen Unternehmensumfeld ist es schwierig, Botschaften zu vermitteln, die haften bleiben. Doch genau das ist entscheidend. Der Prozess des Erzählens und Wiedererzählens von Geschichten sät Samen. Er schafft gemeinsame Bilder. Und er verstärkt Werte.

Geschichten prägen Kultur. Sie definieren, was als normal gilt. Sie zeigen, wie mit Fehlern umgegangen wird. Und sie beeinflussen, ob Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Fazit: Geschichten geben Richtung

Unternehmen bewegen sich in einer Welt voller Unsicherheit. Strategien ändern sich. Märkte verschieben sich. Technologien entwickeln sich rasant. In diesem Umfeld brauchen Menschen mehr als Informationen. Sie brauchen Sinn.

Geschichten ersetzen keine Entscheidungen. Aber sie machen Entscheidungen verständlich. Sie ersetzen keine Führung. Aber sie machen Führung menschlich. Und sie ersetzen keine harte Arbeit. Aber sie geben ihr Bedeutung.

Wer es schafft, Geschichten bewusst einzusetzen, schafft Orientierung im Chaos. Und genau das ist oft der entscheidende Unterschied zwischen Organisationen, die überleben, und jenen, die wachsen.